Herz Chakra

Joker, eine Hommage an mehr Mitgefühl

„Bilde ich mir das nur ein - oder wird die Welt da draußen immer verrückter?“ (Arthur Fleck, Joker)

 

Als ich diesen Satz im Trailer zum Film „Joker“ gehört habe, wurde ich trotz aller Abneigung gegen Gewaltfilme neugierig genug, um ins Kino zu gehen. Rausgekommen bin ich so inspiriert wie schon lange nicht mehr und mit Sympathien für einen Mörder.

 

Im Yoga zählt das Mitgefühl zu einem der vier Bhavanas, den Faktoren, die uns gelassen machen (Yoga Sutra 1.33). Der Film „Joker“ zeigt eindringlich wieviel Aufholbedarf jeder Einzelne und wir als Gesellschaft diesbezüglich noch haben.

 

Mittlerweile hat der Hauptdarsteller Joaquin Phoenix einen Oscar gewonnen und seine Rede wurde aus gutem Grund oft auf Social Media geteilt: „Ich denke wir haben uns sehr von der natürlichen Welt abgetrennt, die meisten von uns unterliegen einem egozentrischen Weltbild, dem Glauben, dass wir das Zentrum des Universums sind.“

 

Der Film handelt von einem Clown, der es im Leben eher schwer hat und daher mental aus der Bahn geraten ist. So sehr, dass er irgendwann Leute abmurkst, die nicht sonderlich freundlich zu ihm waren. Das bringt üblicherweise ja nicht so die Sympathiepunkte. Ich war voll und ganz auf seiner Seite. Das hat mich verstört. Wie hat der Typ das nur hingekriegt?

 

Im Alltag beobachte ich, wie ich mich teils schwer tue im Verständnis gegenüber den Ansichten und Gedanken meiner nicht immer geliebten Mitmenschen. Mit zunehmendem Alter geht mir zudem auch noch viel schneller die Geduld aus.

 

Warum fällt es mir dann ausgerechnet leicht, mich mit einem vermeintlich irren Mörder verbunden zu fühlen?

 

Ich bin mir aufgrund meiner egozentrischen Sichtweise oft nicht im Klaren, dass die Person neben mir genauso hart in diesem Leben voller Herausforderungen, Versuchungen, Zweifeln und Ängsten kämpfen muss wie ich.

 

Schließlich sind wir alle nur Menschen. Und das scheint aufgrund der Kompetenzen unseres Denkorgans manchmal eher hinderlich, wenn wir dabei unser Herz verstummen lassen.

 

Ich weiß von mir selbst wie wichtig es ist mich mit diesen inneren Kämpfen auseinander zu setzen, sie zu entdecken und ihnen ins Gesicht zu blicken, sie manchmal sogar von außen Stehenden berühren zu lasen. Das macht mich aber so beschäftigt mit mir, dass für mein Umfeld nicht mehr viel Muße übrigbleibt.

 

Meine Sympathie für Joker hat meinen Blickwinkel auf Mitgefühl in schwierigen Gesprächen auf zwei Ebenen um Folgendes bereichert:

  • Was ich selbst tun kann, um besser verstanden zu werden.
  • Was ich tun kann, um jemand anderen besser zu verstehen.

1. Das Bedürfnis sich verstanden zu fühlen

 

Ich habe mich schon oft unverstanden gefühlt in verfahrenen Diskussionen. Meine Strategie bis dahin war, meinen Standpunkt so oft wie nur möglich zu wiederholen, in der kühnen Annahme, dass die Botschaft irgendwann schon angekommen wird. Wie selbstmitleidig ich damit durchs Leben spaziert bin, könnt ihr euch ja vorstellen. Wie oft ich gesagt habe „Du verstehst mich einfach nicht.“ wohl auch.

 

Ein Mensch und die Bedeutsamkeit seiner Geschichte und inneren Zusammenhänge

 

Der Clown hat genau eine Sache richtig gemacht: Er hat mir seine echte Geschichte erzählt. In nur zwei Stunden ohne Blabla, direkt aus dem Herzen. Dafür war es nicht notwendig jedes Detail zu kennen, sondern ein Verständnis zu entwickeln, welche Lebensereignisse ihn geprägt und seine Gedankenwelt geformt haben.

 

„Ich weiß das die Stimmen in meinem Kopf nicht real sind, aber manchmal haben sie absolut großartige Ideen.“ (Arthur Fleck, Joker)

 

Ich konnte nachvollziehen warum er so handelt, wie er handelt. Und mehr hat es nicht gebraucht.

 

Dabei ist mir aufgegangen, dass ich in Gesprächen oft nur lückenbehaftet herleite, warum ich etwas Bestimmtes möchte und zudem manchmal aus Peinlichkeit meine wahren Gründe auch noch vertusche. Manchmal lassen wir die dunkleren Episoden eben aus und der andere versteht die Zusammenhänge nicht.

 

Wenn ich was von jemand anderem will, ist es aber notwendig die Person dafür auf irgendeine Weise zu begeistern. Das geht nur, wenn ich Raum schaffe, den anderen mit mir mitfühlen zu lassen.

 

Wir haben einen angeborenen Drang uns mit anderen verbündet fühlen zu wollen.

 

Die Menschen, die uns lieben haben ein natürliches Bedürfnis uns zu verstehen. Sie fühlen sich wohl und sicher bei Menschen, die sie einschätzen können. Nicht im Sinne von absoluter Berechenbarkeit, sondern Vertrautheit.

 

„Störende Gedanken können durch das Denken an ihr Gegenteil überwunden werden.“ (Yoga Sutra 2.33)

 

Die Frage ist also nicht

  •  „Warum will der/die andere mich einfach nicht verstehen?“ sondern:
  •  „Was kann ich tun, um Verständnis möglich zu machen?“

 Es liegt an mir, ob ich verstanden werde.

 

 „Ich will mich einfach nicht mehr so schlecht fühlen.“ (Arthur Fleck, Joker)

 

Wir wünschen uns ja oft ein bestimmtes Verhalten von z.B. unserem/r Partner*in oder Eltern. Wenn wir klar, offen und ehrlich beschreiben, warum etwas ungute Gefühle in uns hervorruft, ist es fast unmöglich das wir nicht verstanden werden oder auf taube Ohren stoßen (außer man umgibt sich mit Idioten was ja auch eine wichtige Erkenntnis sein kann).

 

Zunächst muss ich mich dazu selbst verstehen.

 

Bei der sogenannten „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Rosenberg ist ein wesentlicher Punkt, zu schildern welches Bedürfnis und Gefühl durch ein bestimmtes Verhalten in mir verletzt wird. Wenn der andere nicht versteht was mich wirklich bewegt, ist Verständnis nicht möglich. Bevor ich meine Probleme jemand anderem überreiche muss ich also zunächst meine Hausaufgaben machen und meine Bedürfnisse und Gefühle selbst benennen können.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Einstellung „Keiner versteht mich.“ eher beengt und wenig Mitgefühl erzeugt. Das Gefühl nicht verstanden zu werden hat manchmal eben mehr damit zu tun wie und wieviel unserer Geschichte wir preisgeben, nicht damit ob der/die andere zuhört.

 

Wenn wir intensive Beziehungen führen und Menschen an der Tiefe unseres Lebens teilhaben lassen wollen, dann müssen wir einen gewagteren Weg gehen.

 

„Ich glaube, wir haben Angst vor persönlicher Veränderung, weil wir glauben, dass wir auf etwas verzichten müssen oder etwas aufgeben.“ (Joaquin Phoenix)

 

Wir dürfen uns nicht davor scheuen etwas von uns selbst zu offenbaren. Das tut nicht weh, es ist nur ungewohnt. Das was wir dabei verlieren ist wesentlich kleiner, als das was wir gewinnen.

 

Die gleichen Prinzipien gelten auch in der anderen Rolle.

 

2. Das Bedürfnis andere zu verstehen

 

Niemand ist ohne Grund so wie er ist. Das Joker Mörderbeispiel zeigt unseren guten Willen zur Sympathie mit anderen. Auch in professionellen Kreisen ist das ein bekanntes Phänomen. Hans-Ludwig Kröber ist beispielsweise einer der führenden Gerichtspsychiater in Deutschland und entscheidet über die Haftstrafen von Schwerverbrechern. Er meint: „Überraschend ist, dass sie [die Straftäter] zum Teil wirklich sympathisch wirken, dass man das Gefühl hat, man kann auch emotional gut in Kontakt kommen.“[1] Wir können unsere Fähigkeit zum Mitgefühl also kaum leugnen.

 

Auch wenn Arthur Fleck als Antiheld durch seine Schwächen Sympathie erzeugt ist das Töten abseits der Leinwand natürlich indiskutabel. Er zeigt uns aber dennoch auf, was in unseren Möglichkeiten an Mitgefühl liegt, wenn wir uns wirklich auf Jemanden einlassen.

 

Wenn ich einen Mörder lieben kann, dann ja wohl auch meine Eltern.

 

Was mich allerdings oft am Zuhören und Verstehen hindert ist, dass ich mich mehr um mich selbst kümmere.

 

„Anhaftung an das unbewusste Ich führt zu falschem Verstehen und hindert uns an höherer Erkenntnis.”(Yoga Sutra 2.6)

 

Hat jemand ein Problem mit mir dann höre ich zuerst alles raus, was einen Angriff auf meine Person darstellt und überhöre dabei viele wichtige Informationen über meinen*r Gesprächspartner*in. Meist will der andere ja auch einfach nur geliebt, wahrgenommen und anerkannt werden. Das ist mir, wenn ich beleidigt bin nur ziemlich einerlei.

 

Zuhören, statt zu reden. Ein Gespräch ohne Offenbarung ist Zeitverschwendung.

 

Neuerdings konzentriere ich mich eher darauf was der andere mit seinem Anliegen tatsächlich über sich sagt. Die meisten können ihre Emotionen und Bedürfnisse ja nicht so richtig benennen aber ich kann es eben auch nicht erwarten. Wenn wir aber ganz genau zuhören, statt unsere nächste Erwiderung zu überlegen, dann liegen all diese Informationen dennoch oft unmittelbar vor uns.

 

„Vertraue nur jemandem der drei Dinge in dir sehen kann: Den Schmerz hinter deinem Lachen, die Liebe hinter deiner Wut und den Grund deines Schweigens.“ (Joker in Suicide Squad)

 

Will uns Mama mit ihren Ratschlägen wirklich eins reinwürgen oder sucht sie vielleicht nach Anerkennung in ihrer Rolle als Mutter? Warum gebe ich sie ihr nicht einfach? Was versuche ich zu verteidigen? Zeigt ein wütender Partner nur seinen Argwohn oder manchmal auch seine Erschöpfung, wenn ihm die Kraft ausgeht seine Worte freundlich zu wählen? Will uns der nervende Chef tatsächlich gegen den Karren fahren oder ringt er verzweifelt um Daseinsberechtigung und Sichtbarkeit?

 

 „Jeder den du triffst kämpft eine Schlacht, von der du Nichts weißt.“ (John Watson)

 

Wenn wir die Perspektive ändern und erweitern sehen und verstehen wir mehr. Wir treten in Verbindung mit unseren Mitmenschen und schaffen so wahren Wert.

 

Ich habe mich kürzlich viel mit unserem Sonnensystem beschäftigt und nehme mir immer das Bild des Universums vor Augen wenn ich mich wieder in meine Ego Welt verstrickt habe. Dann sehe ich mich aus der Schwärze des Alls als Konfettistück auf einer beleuchteten Kugel, wie ich mich furchtbar wichtig nehme und muss in Anbetracht der Dimension lachen.

 

So ähnlich geht es Joker wohl auch, wenn er sagt: „Ich dachte immer mein Leben wäre eine Tragödie. Nun stelle ich fest, es ist eine Komödie.“ (Arthur Fleck, Joker)

 

[1] Frankfurter Rundschau 2012 „Auch Mörder können sympathisch sein.“