How to: Sich nicht angegriffen fühlen

Hinter dir hupt ein Auto, die Kollegen tuscheln und verstummen, deine Mutter gibt dir einen Haufen guter Ratschläge, deine Freundin versetzt dich und in einem Feedbackgespräch gibt’s Kritik. Es gibt täglich unendlich viele Dinge, die uns potenziell verletzen können. Warum sehen wir in all diesen Situationen eher das Negative? Weil unser Gehirn so programmiert ist.

 

Von den zehntausenden Gedanken unseres Tages sind im Durchschnitt ca. 80% negativ, 20% positiv. Die 80% produziert unser Ego, das damit beschäftigt ist Fehler aufzuspüren, sich selbst durch die Anerkennung anderer groß zu machen und ununterbrochen nach Weiterentwicklungspotenzialen zu suchen.

 

Das alles sind super Mechanismen, die wenn richtig eingesetzt, auch dafür sorgen, dass wir unsere Fähigkeiten voll entwickeln können und über uns hinauswachsen können. Wenn wir uns aber allzu vertraut damit fühlen uns angegriffen zu fühlen, dann macht es Sinn den Ego-Apparat mal neu zu kalibrieren, denn wer will sich schon ständig verletzt, zurückgewiesen, vernachlässigt und betrogen fühlen?

 

Die andere Problematik ist, dass wir uns aufgrund dieser Gefühle dazu hinreißen lassen, die Person, die diese Gefühle in uns ausgelöst hat, zu beschuldigen. Das Eingeständnis selbst Ursache dieser, innerlich meist negativ bewerteten Emotionen zu sein, erfordert Größe, in die wir hineinwachen können. Dazu ist es wichtig sich bewusst zu machen, welche Mechanismen in uns wirken, wenn wir diese Dinge fühlen, statt uns einfach nur von unseren Emotionen mitreißen zu lassen.

 

In den meisten Situationen, in denen wir uns angegriffen fühlen, lässt sich nur schemenhaft erahnen, ob das auch wirklich die Intentionen unseres Gegenübers war. Das Einzige, was wir je in der Lage sein werden herauszufinden ist, was unsere eigenen Intentionen sind, also:

 

1. Du wirst niemals sicher wissen, was die Intention des Gegenübers ist.

 

Es ist auch nicht dein Job. Wenn jemand unhöflich ist und nicht ein Mindestmaß an Erziehung im sozialen Umgang mit Anderen aufweist, solltest du diesen Wunsch des Herausfindens auch eher versiegen spüren. Da gilt das Gebot der Abgrenzung zur Klarstellung der Würde, die du dir selbst entgegenbringst. Wer dich wild anhupt, weil du einen Parkplatz suchst, hat wohl entweder selbst Zeitstress, will sein neues Tinderdate auf dem Beifahrersitz mit Arroganz beindrucken oder irgendein anderes eigenes Bedürfnis befriedigen. Kurzum es gibt wenig gute Gründe, für die du verantwortlich bist in der Situation, also kannst du auch in Ruhe weiter deinen Parkplatz suchen. In Wien, da wo ich wohne, herrscht Hupverbot. Das weiß und beachtet zwar keiner, aber es darf eigentlich nur gehupt werden, wenn Gefahr in Verzug ist. Ist letzteres der Fall, sollte man sich bei der Parkplatzsuche dann doch lieber beeilen. Weil einfach alle hupen, weiß aber nie jemand, wann es wirklich wichtig ist. Die gleiche Konsequenz entsteht, wenn man selbst die ganze Zeit nur meckert.

 

2. Oft geht’s nicht um dich.

 

Es gibt keinen guten Grund sich vom jemandem angegriffen zu fühlen der augenscheinlich selbst grade mit sich kämpft, denn der Angriff gilt höchstwahrscheinlich nicht dir. Da ist das Ego des Gegenübers am Arbeiten, dass offenbar nach Aufmerksamkeit und Anerkennung sucht. Interessant ist dabei, dass wir genau demselben Vorgang zum Opfer fallen, wenn wir uns angegriffen fühlen. Das was also Auslöser beim anderen ist, erzeugt dasselbe in uns. Wenn du auf so etwas reagierst, dann spiegelst du lediglich die Ängste und Sorgen des Gegenübers wider. Meist liefert das keinen großen Mehrwert, weil das Gegenüber diesen Prozess nicht bewusst und reflektiert miterlebt.

 

Das kennst du vielleicht aus Streitgesprächen mit deinen Liebsten. Du bringst eine Kritik an, zufällig in einem Moment, in dem du dich selbst eher unrund und ausgelaugt fühlst. Du argumentierst eher à la „Du hast schon wieder…“, „Ständig nervst du mich mit deinen….“….und bist völlig verwundert, dass dein Gegenüber deinen Wunsch nicht beherzigen will, sondern deine Giftpfeile auf dich zurückschießt und die erhoffte innige Umarmung ausbleibt. Das sind unliebevolle Kriegszustände ohne konstruktiven Output. Wir halten also fest: Es ist Zeitverschwendung, wenn zwei Egos gegeneinander kämpfen, denn:

 

3. Du kannst entweder glücklich sein oder Recht haben (M. Rosenberg).

 

Beides zusammen geht selten. Recht haben erzeugt keine wahrhaften Glücksgefühle, es befriedigt nur egozentrische Motive und die damit verbundenen erhebenden Momente sind von äußerst kurzer Dauer. Zwei gegeneinander kämpfende Egos führen zu einem Krieg ohne Frieden.

 

Wenn deine Mutter dir erzählt wie du dein Leben zu leben hast, dann findest du das naturgemäß wahrscheinlich anmaßend, schließlich bist du erwachsen. Obwohl wir schon irgendwie mitbekommen haben, dass die Rechtfertigungen unserer Lebensprinzipien eher auf taube Ohren und zu Streit führen begeben wir uns dennoch immer wieder in diese Situation, weil wir uns jedes Mal aufs Neue angegriffen fühlen und zurückfeuern. Im Grunde macht deine Mama nichts weiter als dir zu sagen, wie sie das machen würde mit dem Leben und in deiner Situation, nur steckt sie da eben nicht selbst drin und besitzt ein eigenes Leben, in dem sie ihre guten Tipps verwirklichen kann, also warum sich überhaupt davon berühren lassen? Zudem beschleicht uns doch eh die liebevolle Vermutung Mama`s Ratschläge kommen intentional aus Fürsorge, Liebe, Interesse und manchmal auch Angst, um uns. Müssen wir Mama dafür wirklich böse sein?

 

Die gute Nachricht: Du musst weder Recht haben noch wissen was den anderen antreibt, um deinen inneren Frieden zu bewahren. Kompensieren kannst du das, indem du dir selbst eine gute Führungskraft bist und das wirst du, wenn du folgendes lernst:

 

4. Dein Ego als deinen Angestellten beherzt zu führen.

 

„Die meisten Menschen sind wie ein fallendes Blatt, das weht und dreht sich durch die Luft, und schwankt, und taumelt zu Boden. Andre aber, wenige, sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selbst haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn.“ (Siddharta, Hermann Hesse)

 

Wir finden auch uns selbst häufig in der Situation andere anzugreifen, sei es Politiker*innen, Chef*innen oder Freund*innen. Manchmal machen wir das still und manchmal auch laut, bisweilen sogar als legitime Kommunikationsart, ohne die wir fast kein Sozialleben hätten. Offenbar glauben wir in der Situation etwas besser zu können. Wenn dem tatsächlich so ist, warum beweisen wir das nicht zuallererst uns selbst und werden zu unserem eigenen Vorbild? Positiv mit Kritik umzugehen und Kritik selbst konstruktiv zu geben ist ansteckend. Das Ego anderer zu zügeln geht auf anderen Wegen so gut wie gar nicht. Unser eigenes Ego haben wir dafür (potenziell) voll im Griff und können so zumindest unsere Seite des Jobs erledigen. Das gehört aber meist gelernt, weil unser Ego sein Eigenleben entwickelt und permanent Leute, mal subtil, mal offenkundig, angreift. Hier ein paar Inspiration, wie du deinen Ansprüchen an Andere, selbst treu werden kannst:

  •  Innehalten. Wenn du angegriffen wirst, versuch in der Schnelle und Enge deiner Gedanken eine Unterbrechung zu finden. Spüre was das Ego in dir für Reaktionen auslöst, spüre die Wut des Angriffs, ohne sofort darauf zu reagieren.
  • Wenn du dich von jemandem angegriffen fühlst, dann sprich es doch einfach aus und frage, was die eigentliche Intention war.
  • Friedvoll kommunizieren: Lese bei Sheila nach, wie man friedvoll kommuniziert und damit lernt seine Wünsche und Bedürfnisse so zu artikulieren, dass der andere auch Lust drauf bekommt dir zuzuhören und nicht dich, sondern das Problem anzugehen.
  • Beobachte die Menschen in deinem Umfeld. Suche nach jenen, die du als sehr besonnen empfindest. Was machen die anders und was kannst du davon lernen? Nicht nur von den besonnenen, auch von jenen, denen das weniger gelingt? Welche Kämpfe toben womöglich selbst in ihnen?

 Und das wichtigste zum Schluss:

 

5. Frage dich, warum du dich angegriffen fühlst!

 

Nehmen wir das Feedbackgespräch. Da haben wir oft einen speziellen Fall. Jemand ist uns grundsätzlich gut gesonnen, drückt sich konstruktiv aus, überhäuft uns erst mit positiven Rückmeldungen und dann meist am Ende, kommt sie: eine kleine Kritik, ein Verbesserungspotenzial, eine Wachstumschance. Vergessen sind alle salbungsvollen Worte und wir verfallen in den gleichen Modus wie oben beschrieben. Es ist uns wegen den 80%/20% eigen, Meister*innen darin zu sein, 60 Minuten des Gespräches auf die eine Kritik zu reduzieren. Wenn du das so theoretisch hier liest merkst du selbst wie unsinnig das ist, aber in der Situation selbst ist es ein Mechanismus, dem zu entkommen nicht leicht ist. Noch schlimmer wird es, wenn die Kritik womöglich etwas enthält von dem wir uns angesprochen fühlen, ein kleines Defizit, dass wir an uns selbst schon wahrgenommen haben, ein wunder Punkt, an dem uns kein anderer berühren soll, oder eine alte Konditionierung, die uns einholt.

 

Wir rennen wegen den 80%/20% selten in einem Grundzustand von „Ich liebe und vergöttere mich“ herum. Wir haben so unsere Zweifel, unsere Kratzer des Selbstbewusstseins, eine Ahnung von inneren und äußeren Baustellen, die angesehen werden wollen, alte Verletzungen unserer Seele, die nie vollständig heilen konnten oder Eigenschaften, die wir als Schwäche empfinden.

 

Der wunde Lindenblattpunkt

 

Erreicht uns eine Kritik von wem auch immer, die uns genau an diesen Stellen trifft, dann trifft uns das hart. Bei Siegfried im Nibelungenlied war es eine Stelle am Rücken, wo ein Lindenblatt drauffiel und damit seine einzige physisch verletzliche Stelle am Körper markiert wurde. Bei uns sind es eher so Dinge wie Unzufriedenheit mit uns selbst, Einsamkeit, Unsicherheiten oder ein Mangel an Eigenliebe, die uns in Aufruhr bringen, wenn wir von extern darauf angesprochen werden. Hermann Hesse bekundete, wahr sei an einer Geschichte immer nur das, was man glaubt. Deswegen ist in diesem Fall unsere Aufgabe auch nicht Abgrenzung, sondern das Auskundschaften, das Herausfinden warum ich dem Gegenüber Gehör schenke und seine Worte ernst nehme und mich berühren lasse. Was ist deine Achillesferse? Dieses Körperteil verdankt seinen Namen ja auch dem Helden Achilleus, der, wie Siegfried, nur dort verwundbar war.

 

Wissend das also auch Held*innen wunde Stellen haben…frag dich:

  • Welche wunde Stelle in mir wurde berührt, was ist mein Lindenblattpunkt
  • Was kann ich daraus lernen? Welche Selbsterkenntnis liegt darin?
  • Warum hat das Gegenüber die Macht mir ein schlechtes Gefühl zu vermitteln?

Die Macht uns anzugreifen besitzt niemand, wir geben sie jemandem freiwillig. Da wo wir an der richtigen Stelle getroffen werden, sollten wir tatsächlich dankbar sein. Wir werden an Baustellen berührt, die zum Erreichen unseres vollständigen Glücks noch bearbeitet gehören. Wer auch immer einen Lindenblattpunkt in uns berührt hat, trägt keinerlei Schuld an unserem schlechten und angegriffenen Gefühl. Die Person ist vielmehr Wegweiser*in und so gehört er/sie auch behandelt. Ein Gegenangriff ist das unfairste, was wir in einer solchen Situation tun können, sonst laufen wir Gefahr das uns künftig ein guter Freund abhandenkommt oder einfach verstummt, wo er uns wertvolles vermitteln kann.

 

„Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie.“ schreibt Aldous Huxley in Brave New World. Machen wir es doch einen Funken besser und definieren noch einmal neu wer unsere wahren Freunde sind und ob wir uns ab und zu vielleicht auch gerne mal angreifen lassen sollten. Auch Robin Williams ist da einer Meinung, in „Good Will Hunting“ antwortet er auf die Frage, wer ein guter Freund sei: „Jemand, der dich in Frage stellt.“

 

Das mit dem sich angegriffen fühlen hat also zwei Seiten. Es verlangt von uns weise zu wählen zwischen Abgrenzung und Selbsterforschung. Dafür müssen wir sorgfältig unterscheiden lernen, welche Angriffe aussortiert gehören, weil sie schlicht nichts mit uns zu tun haben und bei welchen Angriffen sich stattdessen Chancen zum inneren Wachstum und mehr Stärke erschließen können, wenn wir uns von ihnen berühren lassen.