Yoga und die Grenzen des Körperkults

Im Westen ist Yoga zu Körperkult geworden: Wenn wir heute von Yoga sprechen, meinen wir meistens die Praxis von Körperübungen, Asanas. Nancy untersucht, welche Bedeutung dem Körper in der ursprünglichen Yogaphilosophie zugeschrieben wird und was wir daraus für unsere Praxis lernen können.

Jesus bezeichnete ihn als Krug, Kabir nannte ihn Gefäß, der Buddhismus sieht ihn als Fahrzeug und der Hinduismus als Wagen. 

 

Sie alle teilen wohl die Ansicht, dass der Körper etwas ist, dessen Füllung interessanter ist als die rein äußere Erscheinungsform. In der Katha Upanishad, einer indischen Schrift mit Entstehung vor Christus, wird deutlich, dass der Körper in seiner Wagenfunktion als Werkzeug gilt. Ein Werkzeug, das Menschen dazu befähigt, die Welt und das Leben zu erkunden, erfahren, und mit dem, was uns umgibt, in Kontakt zu treten. Da steht nichts davon, dass man diesen Wagen aufwendig dekorieren müsse, um schöne Lebenserfahrungen zu machen oder, dass der Wagen in zunehmendem Alter nicht ruhig auch klappriger werden dürfe.

Auch muss dieses Werkzeug kein sportliches Höchstleitungsgerät sein. Dieser Wagen soll stabil und kraftvoll genug sein, um von Unebenheiten auf dem Weg nicht kaputt zu gehen und gleichzeitig leicht und offen, um die Unwägbarkeiten des Lebens mit Gelassenheit zu nehmen und auch mal windschnittig die Richtung ändern zu können, wenn erforderlich.

Kurzum, der Körper soll uns zum einen als funktionstüchtiges Transportmittel dienen und zum anderen als Tempel der Seele.

 

So formulieren es die Tantriker*innen. Funktionstüchtige Transportmittel und Tempel, kleine Macken hin oder her, gibt es da draußen wohl so einige. 

 

Doch das zu begreifen, ist für die meisten von uns gar nicht mehr so leicht. Denn oftmals identifizieren uns stark mit unserer äußerlichen Hülle, auch in der Yogapraxis: Wenn wir von Yoga sprechen, meinen wir meistens die Körperübungen, Asanas. Deshalb denken Anfänger*innen, wenn sie Yoga hören, gleich an Menschen, die ihre Füße hinter dem Kopf verbrezeln können und halten sich selbst für zu unflexibel, um Yoga zu üben.

 

Irrtümlicherweise ist Yoga bei uns zum Körperkult geworden. Aber wie viel Bedeutung wird dem Körper in der Yogatradition tatsächlich beigemessen?

 

„Reinheit (Shaucha) führt zur Abwendung von der Körperlichkeit

und Unberührbarkeit von Äußerlichkeiten.“ - Yoga Sutra 2.40

 

Im Yoga Sutra, einem der wichtigsten Texte zur Yogaphilosophie, wird explizit zu Shaucha, Reinigung und Pflege des Körpers, geraten. Denn niemandem nutzt es, wenn das Innere durch jahrelange Meditation erhellt wird, der Körper durch das physische Nichtstun aber schnell kein brauchbares Zuhause mehr für eine schöne Seele ist. 

 

Ein ausgewogenes Maß an Bewegung wird hier also keineswegs missachtet. 

 

Übertriebener sportlicher Ehrgeiz ist wiederum eher Zeichen für eine hohe Identifizierung mit dem Körper, was unserem Egozentrismus zuträglich ist. Das hat dann nichts mit Yoga zu tun, sondern entspricht unserem unbewussten Alltagstun, was durch das Savasana am Ende der Klasse dann lediglich erträglicher wird.

 

Der Körper in den Yoga Schriften

 

Körper und Asana im Yoga Sutra (500 n.Chr.)

 

Für Patanjali bedeutet Asana (Körperhaltung/Sitz) im Grunde die Immobilisierung des Körpers, um zu geistiger Ruhe zu gelangen. Innere Ruhe und die damit verbundene Konzentrationssteigerung sind die eigentlichen Ziele der Yogapraxis. Asanas sollen lediglich dafür sorgen, dass wir uns nicht mehr mit unseren Verspannungen beschäftigen, sondern uns ablenkungsfrei dem Innenleben widmen können und in Folge den Tunnelblick weiten und innere Bewertungssysteme hemmen.

 

Das Wort taucht im gesamten Yoga Sutra nur einmal auf. Die Propagierung therapeutischer Übungen kommt erst weit später in der Entwicklung von Yoga. 

 

Körper und Asana in der Yoga Shastra (12. Jhd.)

 

In der Yoga Shastra von Hemachandra wird die Meditationshaltung als kayotsarga bezeichnet, was übersetzt so viel wie „Abwerfen des Körpers“ heisst (Feuerstein, S.268). Da geht es also auch weniger um Kultivierung des Körpers, sondern vielmehr um die Transzendierung des Körpers, also das über seine Grenzen hinaus denken, um sich auf das Darunterliegende zu konzentrieren.

 

Yoga und Asana in der Hatha Yoga Pradipika (14. Jhd.)

 

Selbst in der, im körperorientierten Yoga gern zitierten, Hatha Yoga Pradipika dienen die Asanas, der Reinigung von Nadis, unserer feinstofflichen Energiebahnen (ähnlich Meridianen, nur andere Kultur). Yoga ist dort Energie- statt Körperarbeit. Der Körper wird durch Asana lediglich auf die Meditation vorbereitet. 

 

Die Hatha Yoga Pradipika erwähnt 84 Haltungen, benennt aber nur 14 ausdrücklich, mehrheitlich Meditationshaltungen. Der Großteil des Werkes befasst sich mit inneren Reinigungstechniken, Atem- und Energieübungen sowie mit Samadhi, dem erweiterten Bewusstseinszustand.

 

Die Silben Ha und Tha beziehen sich auf unsere Sonne/Mond-Polarität energetischer Natur. Hatha Yoga versucht, die Teilung unseres Selbst aufzuheben. Sind unsere Energiebahnen durch die Yogapraxis gereinigt und der Körper von Blockaden befreit, kann sich unser Reservoir an Energie öffnen, die sogenannte Kundalini-Energie. Hatha Yoga versteht sich demnach ausdrücklich als Unterstützung für den Weg der Meditation, wie das Yoga Sutra ihn beschreibt (Skuban, S.41).

 

Exkurs: Westliche Wissenschaft und Körper

 

Biolog*innen, Physiolog*innen und Psycholog*innen können zwar unsere Objektivität und unser technisches Wissen zu den Körpersystemen schulen, letztlich sollten wir uns aber im Klaren darüber sein, dass es sich um sehr fragmentarische Wissenschaften handelt, wenn wir uns mit den Geheimnissen des Körpers beschäftigen. 

 

Bis heute weiß z.B. niemand so recht, wie das mit dem menschlichen Bewusstsein funktioniert, obwohl es immer als die bedeutendste Eigenschaft gegenüber der Tierwelt proklamiert wird und in der Spiritualität als das Glücks-Tool schlechthin angesehen wird.

 

Physiologie, Biologie und Psychologie basieren nur auf Verallgemeinerung, einer Sammlung von Daten. Ein wirkliches Wissen über dich kannst nur du haben, mach dir das zu Nutzen!

 

Was wir wissenschaftlich über den Körper sagen können:

  • Physikalisch betrachtet ist der Körper ein Haufen von Atomen, die durch Energie zusammengehalten werden, also nichts weiter als verdichtete Energie. Unsere Haut ist durchlässig. Dass wir eine undurchdringbare Körpergrenze besitzen, die uns von außen abtrennt, ist eine Illusion
  • Unser Herz hat ein messbares Magnetfeld, das weit über die Haut hinausgeht
  • Wir tauschen uns permanent über die Atmung mit der Umwelt aus

Der Körper ist verdichtete Energie, die weit über unsere Hautkörpergrenze hinauswirkt. Wir sind nicht abgegrenzt in diesem Körper, wir sind weit mehr, als wir uns bewusst machen. 

 

Wir leben in einem für die Welt offenen Tempel, in dem zwar wir wohnen, aber die Welt zu Gast ist. 

 

Wir sind, ob wir nun gern daran glauben wollen oder nicht, immer mit allem verbunden, schon alleine rein physikalisch. Unsere inneren Gemütszustände wirken auf andere Menschen und andere Menschen wirken auf uns, noch bevor konkrete Interaktion geschieht. Wir schreiben Menschen eine bestimmte Energie zu. Da draußen in der Welt ziehen uns bestimmte Dinge an und andere stoßen uns ab. Wir erleben tagtäglich unser eigenes Weltoffen-Sein.

 

Unser Körper ist im Yoga also nur eine von vielen Dimensionen unseres Daseins. 

 

Wenn wir von ganzheitlichen Praktiken sprechen, schließt es sich demnach aus, sich nur den Körper zu fokussieren. Zudem hat bisher noch jede*r seinen Körper irgendwann aufgeben müssen. Wer den Körper nur von Außen betrachtet, kann seine Geheimnisse nicht erforschen und viele seiner Signale nicht deuten.

 

Wir sehen und kennen meist nur die Oberfläche unseres Körpers und damit nicht mehr als alle anderen. Ich weiß dann, wie andere mich sehen, aber noch nicht, wie mein Körper sich anfühlt und wie er für mich ist. Dann sind wir nichts weiter als öffentliches Eigentum, weil wir genauso viel über uns wissen, wie alle anderen (Osho, S.107).

 

Du bist nicht dein Körper. Du hast einen Körper.

 

Das macht einen erheblichen Unterschied. Wenn wir uns über den Körper definieren, sind wir ziemlich angreifbar. Sind wir krank, fühlen wir uns unzulänglich. Sind wir alt, fühlen wir uns unsexy. Hat unser*e Friseur*in während Krisen geschlossen, glauben wir, nicht mehr attraktiv zu sein. Wenn wir nur einen Körper haben, anstatt nur dieser Körper zu sein, dann sind wir nicht unzulänglich, unsexy und unattraktiv, sondern nur krank, alt und unfrisiert ohne jegliche Zuschreibung

 

Wenn wir den Blick weiter nach innen richten wollen, um zu erfahren, wer wir sind und was wir wirklich wollen, benötigen wir andere Instrumente als den Körper. 

 

Genau genommen müssen wir dafür unsere Über-Identifizierung mit dem Körper lösen. Denn der Weg von Yoga zielt auf Befreiung von destruktiven Identifizierungen der Vergangenheit ab, sonst ist ein zufriedenes Dasein im Jetzt unmöglich. Diese Befreiung passiert nicht auf der physischen Ebene, sondern eher mental und intuitiv. 

 

Hier finden wir die Grenzen von körperlichen Yoga-Praktiken.

 

Unser wahrhaftiges Wesen ist unterhalb der physischen Hülle, unserem Wagen, beheimatet. Wir müssen herausfinden, wer eigentlich in dem sprichwörtlichen Wagen sitzt und wohin er gerne fahren möchte, um seine individuellen Fähigkeiten zum Vorschein zu bringen und diese Welt schöpferisch mitzugestalten. 

 

Auch wenn das Bild vom Wagen etwas technisch sein mag, geht es nicht darum, den Körper wie einen Automaten zu behandeln. So verlernen wir, uns zu spüren. Der technische Blickwinkel soll uns lediglich dabei helfen, dem Körper nicht mehr Bedeutung als notwendig beizumessen. 

 

Wenn wir uns sozusagen selbst unter die Haut gehen wollen, müssen wir gefühlvoll in den Körper hineinspüren.

 

Diese körperfixierten Gedanken solltest du hinter dir lassen: 

 

  • Das tagtägliche in den Spiegel sehen und nach Fehlern suchen (Falten, Speck)
  • Dich permanent verbessern zu wollen (Make-Up, Sixpack)
  • Diäten und Kasteiungen jeglicher Art
  • Den Körper regelmäßig weit über oder unter seine Grenzen zu bringen

 

Was du dir hingegen zulegen könntest, ist ein echtes Körpergefühl und dazu Folgendes hinterfragen:

  • Da, wo du und dein Körper jetzt gerade sind, ist es perfekt. Wann gab es Momente, in denen du dich rundum wohl in deinem Körper gefühlt hast?
  • Was muss passieren, damit du dich wirklich gut in deinem Körper fühlst, unabhängig von äußeren Einflüssen? Was könntest du tun, um dich so gesund wie möglich in deinem Körper zu fühlen?
  • Was an dir ist schön? Gehe zum Spiegel und mache dir ein Kompliment.
  • Welche körperlichen Erfolgserlebnisse kennst du abseits von Muskelkater? Muskelkater, eigentlich Mikrotraumata im Muskelgewebe, hat nicht so viel mit Yoga zu tun und zeigt eher den Drang danach, sich selbst durch Schmerz zu spüren, um sich überhaupt irgendwie am Leben zu fühlen. Was gibt es sonst noch an positiven Körpererfahrungen?
  • Welche Botschaften möchte dir dein Körper mitteilen, wenn sich zum Beispiel eine Krankheit zeigt?

Was bedeutet das für unsere körperorientierte Art Yoga zu üben?

 

Nachdem all das gesagt ist, muss ich wahrscheinlich nur noch der Vollständigkeit halber zusammenfassen, dass das, was wir Yoga nennen, nicht bedeutend viel mit der Yogatradition gemeinsam hat. Körperorientiertes Yoga, wie wir es kennen, ist eine Entwicklung, die erst ca. 1950 begonnen hat.

 

Beruft man sich auf klassische Schriften, so können Fitness, Wellness und körperliche Gesundheit nicht als Ziele von Yoga definiert werden. Wir stellen uns in eine große Tradition mit einem zentralen Motiv (Körper), das im Grunde nichts mit dieser vielfältigen Tradition zu tun hat und erzeugen dadurch ein gewisses Spannungsfeld. (Skuban, S. 43)

 

Wo Yoga-Übungen zum Selbstzweck werden, entfernen sie sich von ihrem Ursprung und verfolgen andersartige Ziele als in den klassischen Schriften dieser Tradition. 

 

Yoga ist ein spiritueller Weg und da geht es eben darum rauszufinden welche Dinge einem wirklich was bedeuten und dann danach zu streben“ (Dr. Karl Baier), indem wir den Wagen dorthin lenken. Unser Körper als Wagen und Tempel der Seele trägt maßgeblich dazu bei, dass wir unsere Werte und auch Träume in die Welt tragen können, nur sollten wir dabei nie vergessen, dass er eben nur ein Werkzeug für einen höheren Zweck ist und nicht das Ziel selbst.

 

Deine Nancy

 

Liste der Quellen:

 

  • Osho, Verstehe dich selbst
  • Yoga Tradition, Feuerstein
  • Ralh Skubhan, Yoga Meditation
  • Ralph Skubhan, Der Energiekörper