Gesunde Abgrenzung

Wer sich nicht abgrenzt, beflunkert sich selbst

Drahtseilakt, der gelernt sein will

 

Wer sich nicht abgrenzt, beflunkert sich selbst, denn: „Ja“ sagen und „Nein“ denken ist das gleiche wie Lügen. Nun ist die eigene Abgrenzung dennoch ein Drahtseilakt, der gelernt sein will. Wenn wir nicht grade in Isolationshaft sind, können wir nämlich folgendes nicht vermeiden: Wir begegnen anderen Menschen. Das ist grundsätzlich schön, aber auch damit verbunden, dass wir manchmal auch auf Interessen, Haltungen und Bedürfnissen stoßen, die sich von unseren unterscheiden.

 

Wir wägen ab, wieviel von den eigenen Bedürfnissen nach z. B. Entspannung, Spaß und Sicherheit können wir aufgeben, um die Wünsche des anderen zu erfüllen? Wie viel vom äußeren Wind lassen wir an uns heran, ohne vom Seil abzustürzen? Kant meinte ja, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das kann jedoch zu einer inneren Ambivalenz zweier Bedürfnisse führen, die gegeneinander kämpfen. Deswegen fällt uns Abgrenzung naturgemäß schwer.

 

Der Kampf zwischen dem Wunsch nach sozialer Harmonie und gesundem Egoismus

 

Nachdem unsere Grund- und Sicherheitsbedürfnisse an den meisten Tagen zu Genüge gestillt sind, kümmern wir uns häufig, um die sozialen Bedürfnisse, die danach folgen – zum Beispiel Liebe, Zuneigung, Wertschätzung und Zugehörigkeit. Aus Selbstexperimenten komme ich auf so ca. 70% meiner sozialen Zeit, die indirekt nur dafür drauf geht.

 

Im Alltag drückt sich das ungefähr so aus: Wir reden Leuten nach dem Mund und vertreten plötzlich Meinungen, die gar nicht unsere eigenen sind. Wir sprechen es ungern direkt an, wenn jemand sich uncool verhält. Feedback kommt – wenn überhaupt – immer nach der Sandwich-Methode. In der Arbeit demotiviert uns fehlende Wertschätzung viel mehr als zu wenig Kohle. Wir gehen faule Beziehungskompromisse ein, aus Angst allein zu sein. Generell sind wir ziemlich bemüht, es allen recht zu machen. Unser Kronenchakra – das eigentlich spirituell der Selbsterkenntnis zugeordnet ist und im wunderschönen Lotus aufgehen soll – bekommt dann eher Helikopter-Rotatoren und verursacht nervigen Lärm durch permanent erforderliche Location Wechsel.

 

„Wir alle möchten gemocht werden und beliebt sein. Wir möchten es unseren Mitmenschen recht machen, weil wir regelrecht harmoniesüchtig sind. Im Alltag heißt das für viele von uns: Wir sind nett zu allen. Manchmal sind wir aber einfach zu nett.“ Christine Carter

 

Unsere Liebesbedürfnisse machen uns aber auch erst zu sozialen Wesen. Ohne sie wäre es unmöglich in Verbindung mit Menschen zu treten. Das erklärt, warum dieser Antrieb derart stark ausgeprägt ist, dass wir darunter manchmal uns selbst vergessen und sogar darunter leiden.

 

Hautsache

 

Weil die Bedürfnisse nach Liebe so dominant sind, benötigen sie einen Gegenspieler und der kommt aus unserem Solar Plexus Chakra. Dort ist unser gesundes Ego beheimatet, die „Geheimwaffe“ für Abgrenzung. Ohne Abgrenzung ist unser alltägliches Tun nämlich anstrengend. Wir verleugnen bei all der Harmoniesucht immer einen Teil von uns selbst. Das gleich jedoch einem Kampf gegen uns selbst, was natürlich auf Widerstand im Körper stößt, denn der weiß sich gut abzugrenzen.

 

Seine Grenze ist bekanntermaßen die Haut, eine schöne Metapher dafür, wie gute Abgrenzung funktioniert. Die Haut ist porös und sie entscheidet, was sie rein- und was sie rauslässt. Es ist nicht notwendig, sich einen blickdichten Metallzaun zu basteln, wenn man die richtigen Türsteher hat, die wissen wer in den Club passt und wer nicht. Die Haut ist durchlässig und offen für die Welt. Und doch weiß sie genau, wann sie Grenzen setzen muss, um nicht alles ungehindert in uns eindringen zu lassen, was da nicht hingehört.

 

Gelingt uns das nicht so gut wie unserer Haut, spüren wir den inneren Kampf, den das verursacht. Und weil wir ihn so oft kämpfen, spüren wir die Kraft, die er uns kostet. Energielosigkeit und Erschöpfungszustände sind uns dann bestens vertraut. Osho hält das für einen wesentlichen Faktor, wie wir uns am besten von unserer Selbstverwirklichung abhalten und unsere Energie sinnlos verpulvern.

 

„Deine Bedürfnisse sind widersprüchlich. Die Gesellschaft fordert etwas Bestimmtes, und deine Instinkte wollen etwas ganz anderes (...) Der Konflikt, der daraus entsteht, hat es dem Menschen unmöglich gemacht, ein harmonisches Ganzes zu sein.“ Osho

 

Uns von den Interessen anderer abzugrenzen ist ein gesundheitsförderlicher Prozess. Würden wir nie unser Hoheitsgebiet markieren, würden wir sterben. Wie gelingt uns das also nun?

 

Gelungene Abgrenzung

 

Für gesunde Abgrenzung ist es keineswegs notwendig, jedem seine Meinung ins Gesicht zu sagen und völlig kompromisslos zu werden. Entscheidend für unseren Energiehaushalt und auch für unsere mentale Gesundheit ist, dass wir herausfinden an welchen Werten bemessen wir im Leben wandeln wollen und diese als unsere persönlichen Wegweiser aber auch als natürlichen Grenzen zu definieren. Das gibt Sicherheit, nicht nur uns selbst, sondern, und das finde ich die wichtigste Erkenntnis von Allem, AUCH ANDEREN.

 

„Mauern halten jeden draußen. Grenzen lehren Menschen, wo die Tür ist.“ Mark Groves

 

Wir unterliegen häufig der Illusion, dass „Ja“ sagen und angepasst sein, es anderen Menschen erleichtert sich mit uns verbunden zu fühlen, aber das ist nicht der Fall.

 

Wir erleben zwar, dass wir uns dadurch oft kleinere Unannehmlichkeiten ersparen und auch Konfrontation vermeiden, aber unserem Gegenüber hilft das genauso wenig wie uns. Da, wo für uns eine Grenze erreicht ist, muss sie auch kommuniziert werden. Wenn wir das nicht machen, weiß das gegenüber gar nicht, wer wir sind.

 

Die geläufigste Art von Grenze, die wir kennen, ist jene von Ländern. Genauso wie es dir hilft zu wissen (und sorry dafür braucht es kurz Klischees), dass du jetzt in Italien bist und du davon ausgehen kannst, dass da Spaghetti fast immer auf der Speisekarte stehen und oft etwas temperamentvoller gestikuliert wird. So weißt du beim Grenzübertritt nach Österreich, dass es da eben öfter Schnitzel gibt und das Sprechtempo sich etwas runterreguliert. Dieses Wissen gibt uns Sicherheit. Wir können unsere Erwartungshaltungen darüber steuern und sie werden dadurch weniger enttäuscht. Grenzen schaffen also Verlässlichkeit!

 

Das verhält sich bei Menschen ganz genauso. Wer gut abgegrenzt ist, hat vielleicht drei Freunde und Freundinnen weniger. Aber jene, die übrig bleiben, reisen gerne in dein Land und sie wissen auch genau warum. Und dieses warum basiert dann tatsächlich auf deinen inneren Werten und nicht auf oberflächlichem Bla Bla.

 

Du tust also jedem nur einen Gefallen. Jene, die sich an deinen Werten reiben, willst du – wenn du ehrlich bist – doch gar nicht im Leben haben. Das sind die Menschen, die dir unnötig Kraft rauben. Das sind so Leute, die wir uns halten, um unser Bedürfnis nach sozialer Anerkennung zu erhalten. Wir erliegen dem Glauben, je mehr Menschen es gibt, die uns lieben, desto besser. Und dass, obwohl wir genau wissen, dass es nur ganz wenige echte soziale Verbindungen braucht, um dieses Bedürfnis zu stillen. Sehr yogaphilosophisch gedacht, braucht es eigentlich sogar nur uns selbst. Um uns selbst Wertschätzung entgegen zu bringen und dieses Bedürfnis nicht im Außen kompensieren zu müssen, brauchen wir eben feste Werte und damit auch Grenzen für uns selbst.

 

Wo sind meine Grenzen überhaupt?

 

Ich kann nicht einfach nur rumheulen, dass ich ausgenutzt werde, mich für andere aufopfere und viel mehr gebe als empfange, wenn ich gar nicht weiß, was ich empfangen will. Ich kann meinen Lebensmenschen auch nicht vorwerfen unterhalb meiner Erwartungshaltung zu operieren, wenn ich gar nicht weiß, was für mich in einer Beziehung zwingend erforderlich ist für mein Seelenheil.

 

Es ist notwendig, dass ich lerne (höflich) auf den Punkt zu bringen, was ich will und was ich nicht will. Es sollte mir bewusstwerden, dass ich im Optimalfall gute Gründe dafür habe, wenn ich etwas ablehne. Bin ich dann auch noch in der Lage diese Gründe zu kommunizieren, zeigt eine etwaige Ablehnungshaltung des Gegenübers seinen eigenen Eigennutz, auf den wir wiederum getrost mit Selbstschutz reagieren können. Keinem Menschen, dem du Bedeutung zumisst und wo das auf Gegenseitigkeit beruht, dürfte jemals ehrlich daran gelegen sein, dich mit seinen Bedürfnissen zu stressen oder unter Druck zu setzen.

 

Für deine innere Orientierung zum Finden deiner Grenzen frage dich hin und wieder Folgendes:

  • Will ich überhaupt in die Situation, die mir durch mein „Ja“ bevorsteht?
  • Habe ich in meiner aktuellen Lebenssituation genug Zeit dazu?
  • Setzt mich das Bedürfnis des Anderen in irgendeiner Form unter Druck? Spüre ich das vielleicht sogar körperlich?
  • Was sagt mein Bauchgefühl – ganz spontan?
  • Was ist mein erster Impuls bevor meine Gedanken an „ich will gemocht werden“ das Ruder übernehmen?

Kommst du zu der Entscheidung, dass du eine Sache nicht willst, dann sag es. Nicht als Entschuldigung. Auf den Punkt gebracht. Alternativ ist deine Grenze für den anderen kein dicker roter Strich, sondern eine hellgraue Pünktchen Linie, über die man hier und da vielleicht doch noch einmal versucht drüber zu steigen; manchmal intelligent manipulativ gewürzt mit Worten wie „Du kannst das viel besser als ich“ oder „Dir fällt das viel leichter als mir“. Dein Nein ist ein Nein, sofern du es dir gut überlegt hast.

 

In der Arbeit ist das zum Beispiel oft auch mit Existenzängsten verbunden. Dennoch ist auch dort für deine beste Arbeitsleitung essenziell sich nicht ausnutzen zu lassen. Mit den Krankheitstagen durch etwaige Überforderungszustände ist nicht einmal deinem Chef geholfen. Wer seine Grenzen nicht kennt, hat Schwierigkeiten die richtige Distanz zu seinem Umfeld zu finden. Grade am Arbeitsplatz ist Distanz aber notwendig für ein professionelles Umfeld.

 

Konfuzius meint „Die, die durch Beschränkung verloren haben, sind selten.“ und Kant bestärkt uns sinngemäß mit den Worten „Schranken sind bloße Verneinungen, die eine Größe affizieren, sofern sie nicht absolute Vollständigkeit hat“. Wir ziehen durch persönliche Schranken also auch unser persönliches Wachstum an, sofern wir (spirituell betrachtet) noch nicht ganz fertig gewachsen sind. Das klingt widersprüchlich: Grenzen setzen und dadurch wachsen? Aber na klar, wir kennen die Anstrengung, der es bedarf, um nicht auf Popularität angewiesen zu sein. Insofern wissen wir auch wie reich jemand ist, dem es gelingt.

 

Was sind die angenehmen Konsequenzen deiner Fähigkeit zur Abgrenzung?

  • Deine Ehrlichkeit spart allen Leuten Zeit. Wenn du nicht deine Wahrheit sprichst, muss dein Gegenüber sie erraten. Der oder die ist ja nicht doof und weiß wenn du Quatsch redest, was Stress bei ihm oder ihr auslöst.
  • Du brauchst deine Gefühle und Bedürfnisse nicht mehr zu unterdrücken. Deine Mitmenschen bekommen die Möglichkeit dich wirklich kennenzulernen.
  • Es ist deiner Gesundheit zuträglich. Nett zu sein, wenn wir es nicht wollen, ist anstrengend. Menschen sind einfach nicht gut darin, so zu tun als ginge es ihnen besser als das tatsächlich der Fall ist. Diese Art der Selbstkontrolle ist besonders auslaugend und sogar ungesund
  • Wir leben in einer Zeit, in der viele Grenzen verschwinden. Die Welt ist plötzlich miteinander verbunden. Ländergrenzen zu überqueren kann man heute teils ganz unbemerkt. Unsere Rollenbilder werden viel weiter und freier und wir können – zumindest idealistisch gedacht – jeden Beruf wählen. Um uns in all dieser Weltoffenheit Halt zu geben, müssen wir uns abgrenzen. Wo bin ich und wo bin ich nicht. Habe ich das definiert, gibt das mir und anderen Sicherheit.

Wenn ich keine Grenzen setze, darf ich mich nicht wundern, wenn Menschen in meine Welt einmarschieren und mir ihr Zeug unterjubeln. Wenn, dann sollten wir uns bewusst dafür entscheiden, jemanden reinzulassen und ihn dann nicht nur zu dulden, sondern ihm ein gutes Stück Torte zu servieren. Mit Schlagobers.