Die Koshas: Ein mystisches Konzept unseres Daseins

Wenn wir das Gefühl haben neben uns zu stehen oder nicht wir selbst zu sein, was bedeutet das dann eigentlich konkret? Yogaphilosophisch bedeutet es, dass die fünf Hüllen (Pancha Kosha), die unsere liebenswürdige Essenz umgeben, mal wieder geputzt gehören. Denn wir sind mehr als nur unser

materieller Körper.

 

„Ein rein verstandesmäßiges Weltbild ganz ohne Mystik ist ein Unding.“  Erwin Schrödinger (Nobelpreisträger Physik 1933)

 

Gemäß dem Pancha Kosha Modell der wichtigen Yoga-Schrift Taittiriya Upanishad (ca. 500 v.Chr.) besteht der Mensch aus fünf Hüllen (Pancha = fünf, Kosha = Hülle). Diese fünf Existenzebenen umschmeicheln unseren inneren, perfekten, absoluten und immer schon schönen Kern.

 

Nun kann es sich zutragen, dass wir die äußeren Hüllen, bestehend aus Körper, Energie, Denken, Intelligenz und Weisheit, derart verunreinigen, dass sie unsere innere Schönheit so verdecken, dass wir zu uns selbst keine oder nur wenig Liebe empfinden können.

 

„Durch rechtes Unterscheiden soll man das reine, innerste Selbst von den Schichten trennen, die es verhüllen.“  Shankerer

 

Bildlich gesprochen legen wir uns zwiebelmäßig im Laufe des Lebens mehrere Mäntel zu, die teils nicht mehr wirklich erahnen lassen, wer die Person darunter eigentlich ist. Wir verkleiden uns als Jemand, der wir sein wollen oder der z.B. gut an die Erwartungen seines Umfeldes angepasst ist.

 

Das Kosha Modell zeigt uns, woraus diese Hüllen bzw. Mäntelchen konkret bestehen und macht uns bewusster, welche Schleier („Maya“) wir lüften müssen, um uns wieder in unserer ganzen Schönheit sehen zu können und um zurück zu uns selbst zu finden.

 

1. Annamaya Kosha: Körper / Nahrung

 

In der indischen Weltsicht stellt dein Körper nur die äußere Hülle von dir dar.

 

In der kosmologischen Yoga-Weltsicht ist der Körper Teil einer Ganzheit, die sich vom Groben zum Feinen entwickelt. Wir behandeln ihn hier am ausführlichsten, weil er uns am meisten im Wege steht, um in die anderen Schichten und das darunter Liegende vorzudringen.

 

Westliche Wissenschaft und Körper

 

Biologie, Physiologie und Psychologie können zwar unsere Objektivität und unser technisches Wissen zu den Körpersystemen schulen, letztlich sollten wir uns aber im Klaren darüber sein, dass es sich um sehr

fragmentarische Wissenschaften handelt, wenn wir uns mit den Geheimnissen des Körpers und unserer Vielschichtigkeit beschäftigen. Wissenschaften sind eine Verallgemeinerung und Sammlung von Daten. Ein wirkliches Wissen über dich kannst nur du haben, mach dir das zu Nutzen!

 

Was wir wissenschaftlich über den Körper sagen können:

  •  Physikalisch betrachtet istder Körper ein Haufen von Atomen, die durch Energie zusammengehalten werden, also nichts weiter als verdichtete Energie.
  • Unsere Haut ist durchlässig.Dass wir eine undurchdringbare Körpergrenze besitzen, die uns hermetisch vonaußen abtrennt, ist eine Illusion. Wir sind also nie ganz getrennt von Anderen,so sehr wir es auch manchmal wünschten.
  • Unser Herz hat ein messbares Magnetfeld, das weit über die Haut hinausgeht.
  • Wir tauschen uns permanent über die Atmung mit der Umwelt aus.

Wir leben in einem für die Welt offenen Tempel, in welchem zwar wir wohnen, aber die Welt zu Gast ist.

 

Wir sind, ob wir nun gern daran glauben wollen oder nicht, immer mit allem verbunden, schon allein rein physikalisch. Unsere inneren Gemütszustände wirken auf andere Menschen und andere Menschen wirken auf uns, noch bevor konkrete Interaktion geschieht. Wir schreiben Menschen eine bestimmte Energie zu. Da draußen in der Welt ziehen uns bestimmte Dinge an und andere stoßen uns ab. Wir erleben tagtäglich unser eigenes Welt-offen-sein.

 

Der Körper stellt die äußerste Hülle namens Annamaya Kosha dar, die aus Nahrung aufgebaute Hülle.

 

“Außen” meint nicht zwangsweise räumlich außen, sondern auch, dass diese Hülle am leichtesten

erfahrbar, fühlbar und erlebbar ist. Annamaya Kosha besteht unter Anderem aus Fleisch und Blut und sie ist für uns Materie- und Faktenfans ein wunderbar bequemes Objekt, um unsere vollständige Konzentration im Yoga darauf zu richten - beispielsweise, indem wir Asanas üben.

 

In der Evolution bildet die Materie laut indischer Kosmologie nur das letzte Glied.

 

Materie ist die gröbste Erscheinungsform und Verdichtung des Seins. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Annamaya Kosha aber eigentlich auch am weitesten von unserem Innersten und damit auch von unserem

wahren Selbst entfernt ist. Eine Identifizierung mit dem Körper führt daher eher am Ziel der Selbsterkenntnis vorbei. Die vier tiefer liegenden, feineren Schichten (Energie, Denken, Intelligenz und Weisheit) greifen viel weiter aus und sind zudem nicht so begrenzt wie der Körper.

 

Der Körper ist an äußere Umstände wie Temperatur oder Schwerkraft gebunden, und an Ort und Zeit. Mit dem Geist können wir hingegen innerlich überall hinreisen und jegliche Realität erschaffen.

 

Das heißt, jemand kann sich z.B. innerlich schön fühlen, bis das Kollektiv auf die Person einredet und sie vom Gegenteil überzeugt. Laut Yogaphilosophie ist das innere Gefühl immer eins von Schönheit. Hässlichkeit existiert nur dort, wo äußere Kriterien existieren. Wären wir alle blind, dann wären alle so schön, wie sie von innen sind. Aber was ist dieses “darunter”?

 

2. Pranamaya Kosha: Energie / Lebenskraft

 

Von der materiellen Körperhülle geht’s weiter in die Energiehülle. Physikalisch muss man dazu feststellen, dass Energie nichts mit abgehobenen Eso-Vorstellungen zu tun hat. Dank Einstein wissen wir, dass auch Materie nur hoch verdichtete Energie ist, also keine Zauberei. Wenn wir uns die zweite Kosha präsenter machen, dann öffnen wir uns beispielsweise der Erfahrung, dass unsere Bewusstseinsenergie materielle Effekte nach sich ziehen kann.

 

Habe ich zum Beispiel unbewusst Angst, verlassen zu werden, dann beginne ich meist unwissend, mich auch wirklich verlassenswürdig zu benehmen, bin nicht mehr so entspannt, streite mehr, bin klammernder, freiheitsraubender, verständnisloser und treibe Menschen tatsächlich weg von mir.

 

In diese Hülle zählt auch die Beobachtung dessen was mir Energie gibt und was nicht; dazu muss man regelmäßig seinen aktuellen Habitus hinterfragen, vor Allem, wenn man sich oft ausgelaugt und matt fühlt.

 

Eine kleine Geschichte dazu:

 

Ein Mann läuft durch den Wald und sieht einen Holzfäller bei der Arbeit. Er zählt die Bäume, die der Holzfäller bereits gefällt hat. Es sind zehn. Am nächsten Tag kommt er zur selben Zeit wieder des Weges und sieht, dass der Holzfäller nur acht Bäume gefällt hat. Am darauffolgenden Tag sind es nur

noch fünf.

 

Der Läufer fragt den Holzfäller: "Warum fällst du von Tag zu Tag immer weniger Bäume?“ "Weißt du, mein

Beil ist nicht mehr so scharf wie am ersten Tag", antwortet dieser.

 

"Warum schärfst du es dann nicht?" fragt der Läufer weiter.

Darauf der Holzfäller: "Ich hab’ keine Zeit, ich muss Bäume fällen..."

 

Wenn wir den ganzen Tag durchs Leben rattern und performen, ohne zwischendurch mal inne zu halten und zu checken, wie es um unser Energielevel steht und wie wir es anheben können, kann man sich mitunter auch mal ziemlich leer fühlen. Zudem beobachten wir aktuell ja nicht grundlos einen rasanten

Anstieg bei mentalen/körperlichen Erkrankungen aufgrund von Überlastung.

 

3. Manomaya Kosha: Denken / Geist

 

Die Energiehülle bildet den Übergang zu unserem eigentlichen Innenleben, wobei man anmerken muss, dass die Schichten ineinanderwirken und nicht klar getrennt sind wie eine Matrjoschka-Puppe. Bei Manomaya Kosha bewegen wir uns weiter zu den subtilen Bewegungen des Geistes, die in dieser dritten

Hülle Sinneswahrnehmungen, Instinkte, Denken, Affekte, Handlungen und das Ego umfassen, also unser gesamtes Reiz-Reaktionsverhalten.

 

Folgenden Fragestellungen kann man sich hier widmen:

 

  • Sinne: Was sind meine größten Ablenkungen und Süchte im Außen, diemich von mir selbst entfremden?
  • Instinkte: Wo zeige ich eher ursprünglich instinktive Verhaltensweisen wie Flucht oder Kampf und wie könnte ich sie durch mehr Bewusstheit besänftigen?
  • Denken: Welche Gedankenkarusselle haben sich in mir schon zu Todegeschaukelt und gehören auf den mentalen Schrottplatz?
  • Affekte: Sind Gefühle wirklich so willkürlich, wie ich manchmal in meinem emotionalen Dilemma glaube? Welche Gefühle folgen auf welche Gedanken? Welche Gedanken kann ich mehr denken, um schöne Gefühle zu vermehren?
  • Handlungen: Welche meiner Reaktionen sind eher zwanghaft und wer sitzt, wenn ich sie abspule, im Fahrersessel? Ich oder die Welt da draußen?
  • Ego: Dazu ein Rezept von Buddha, wie man das Ego zu seinem Freund macht. Jemand sagte zu Buddha: „Ich will Glückseligkeit“, Buddha entgegnete: “Als erstes entferne das „Ich“, das ist das Ego. Dann entferne das„will“, das ist das Begehren. Dann ist nur noch Glückseligkeit übrig.”

 

4. Vijnanamaya Kosha: Intelligenz / Erkenntnis

 

Hier geht’s um einen Zugang zu den tiefen Schichten unseres angeborenen Wissens, um unsere Intuition und unser Vertrauen auf die Selbige. Gerne unterdrückt in unserer materiellen Welt sind sie, unsere feinen und aus der Tiefe an die Oberfläche tretenden Signale, die scheinbar manchmal mehr Wissen besitzen als unser rationales Denken es je vermögen wird.

 

Nur hinhören tun wir da nicht zu gerne, denn da ist es uns meist schon zu immateriell, nicht greifbar, wir können keine Pro/Kontra Excelliste mit inneren Impulsen anstellen. Sie flüstern uns ihre Wahrheiten, wo wir sie durch Grübelei nicht finden können. Als Ausdruck unseres tiefsten Seins zeigen sie uns manchmal welchen Weg wir gehen sollen, nur lassen wir uns leicht durch andere Einflüsse davon ablenken. Wir haben verlernt, dieses Wissen in unsere Vernunft zu integrieren. Intuition ist kein “entweder oder”.

Sie ist Harmonie zwischen Geisteswelt bzw. Erfahrungen und inneren, meist unbestimmten Impulsen.

Zusammen erschaffen sie Mächtiges und Magisches.

 

Erkenntnis dieser Art gelingt nur über das Ablegen unserer Bewertungsmechanismen, wie beispielsweise das Bewerten von den Meinungen unserer Mitmenschen oder verschiedener Arten das Leben zu führen.

 

5. Anandamaya Kosha: Weisheit / Glückseligkeit

 

Yoga im erweiterten Sinne verfolgt das Ziel, die einzelnen Koshas zu durchdringen und uns bewusster für unser wahres Selbst zu machen. Asanas dienen dem Zweck, den Körper von materiellen Blockaden zu befreien, über Pranayama schüren wir die Lebensenergie, lenken diese über Mudras in bestimmte

geistige Bahnen, um über tiefere Weisheit und Intuition zu mehr innerem Frieden zu gelangen.

 

Die letzte Hülle, Anandamaya Kosha, behütet nicht nur inneren Frieden, sondern auch positive Rauschzustände, mentale Wachheit und Klarheit, Selbstvergessenheit und die Fähigkeit des Staunens. Als Hülle, die unserem Kern am nächsten ist, lässt sie uns am meisten spüren wie unsere ursprüngliche Natur

sich anfühlt, nämlich wunderbar.

 

Unser innerer Kern ist ja yogaphilosphisch nichts für den Geist, denn außer der Leere hat er keine Eigenschaften und ist damit für uns nicht zergrübelbar. Anandamaya Kosha gibt uns aber Hinweise darauf, woraus wir in der Essenz gemacht sind, über Glücksgefühle, Zufriedenheit und Dankbarkeit als

Gemütsverfassungen.

 

Wenn wir den Körper also energetisch-indisch denken, dann ist er eben nicht nur diese äußere Hülle, sondern die ineinander verwobenen Schichten der Koshas. Wer sich selbst besser kennenlernen möchte, sollte im Einklang mit diesen fünf Wesensfaktoren leben und diese regelmäßig durch Yoga-, Pranayama-

und Meditationspraxis reinigen, um den Schatz darunter nicht zu sehr aus den Augen zu verlieren.

 

Wann immer wir den Kontakt mit uns selbst verlieren, können wir das Kosha-Modell heranziehen.

 

So erforschen wir, auf welcher Ebene wir aktuell besondere Trübungen erfahren, die unser Innerstes daran hindern nach Außen zu strahlen.

 

Noch was zum Grübeln zum Abschluss und zurückkommend auf Schrödinger: "Der Grund dafür, dass unser fühlendes wahrnehmendes und denkendes Ich in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild nirgends auftritt, kann leicht in fünf Worten ausgedrückt werden: Es ist selbst dieses Weltbild. Es ist mit dem Ganzen

identisch und kann deshalb nicht als ein Teil darin enthalten sein.“